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Die Flamingo-Revolution: Vom Bürgerprotest zur europäischen Bewährungsprobe

Im Mai tauchten rund um die Lagune von Narta Zäune und Stacheldraht auf. Was als lokaler Protest dagegen begann, ist heute Albaniens grösste Bürgerbewegung seit Jahrzehnten. Marina Rrika, Vorstandsmitglied von Volt Europa, hat sie in Tirana Tag für Tag begleitet. Ihr Befund: Albanien hat die Gesetze. Was fehlt, sind die Mechanismen, um sie durchzusetzen. Damit wird Narta zum Prüffall für die EU-Erweiterung.

Am 31. Mai fand in Tirana der erste Protest der Flamingo-Revolution statt, zur Verteidigung der Lagune von Narta und des Flusses Vjosa. In Zvërnec hatten Anwohnerinnen und Anwohner da bereits seit Tagen demonstriert – gegen Zäune und Stacheldraht, die ohne ihr Wissen und ohne ihre Zustimmung im Gebiet errichtet worden waren. Das abgesperrte Land liegt in einem Schutzgebiet, in dem ein Luxusresort entstehen soll.

 

Ich ging zu diesem ersten Protest nicht nur als Vorstandsmitglied von Volt Europa, sondern auch als jemand, der in Albanien aufgewachsen ist – in einem Land, in dem Proteste keine Selbstverständlichkeit sind. «Albania is not for sale» wurde zum Slogan der Bewegung, der Flamingo zu ihrem Symbol. Es ist die grösste Bürgerbewegung Albaniens seit Jahrzehnten.

 

Was als Versuch begann, Narta und die Vjosa zu schützen, wurde rasch zu einer breiteren Debatte: über Umweltschutz, Transparenz, öffentliche Beteiligung und darüber, welche Art von Entwicklung Albanien anstrebt. Die Lagune von Narta und der Fluss Vjosa bilden ein Naturgebiet von besonderer Bedeutung, reich an seltenen Arten und Zugvögeln. Die Kontroverse wird zudem mit Plänen für grosse Tourismusinvestitionen in Verbindung gebracht, darunter jenes Projekt, das mit Jared Kushner und Ivanka Trump verbunden ist. Doch es geht um mehr als um die Investition oder die Investoren. Wie wurde die Entscheidung über das Schutzgebiet getroffen, und unter welchen ökologischen Garantien sollen diese Vorhaben umgesetzt werden?

 

Das Problem reicht weiter zurück, bis zum Gesetz 21/2024 über Schutzgebiete. Es erleichtert Investitionen und Erschliessung innerhalb geschützter Naturräume; seine Änderungen wurden wegen ihrer möglichen Folgen für Umweltschutz, Transparenz und öffentliche Beteiligung kritisiert. In diesem Zusammenhang wurden das Gesetz und die beworbenen Erschliessungsprojekte zum Auslöser für die Mobilisierung Hunderter Menschen.

 

Die Flamingo-Revolution wurde damit zu mehr als einem Protest für eine Lagune. In ihr äussert sich eine grundsätzlichere Sorge darüber, wie öffentliche Entscheidungen zustande kommen und wie es um das Vertrauen in die albanischen Institutionen steht. Die Demonstrierenden sind nicht gegen Investitionen, Tourismus oder wirtschaftliche Entwicklung. Sie verlangen Transparenz, Möglichkeiten zur Mitsprache und den Schutz dieser Gebiete. Das Gesetz 21/2024 offenbarte nicht nur einen Mangel an Transparenz, sondern auch das Versagen jener Strukturen, die Demokratie gewährleisten sollten – und das warf weitere Fragen auf: nach dem System und nach der Zukunft der albanischen Gesellschaft.

 

Albanien ist EU-Beitrittskandidat. Die Investition in einem Schutzgebiet, die Änderung der einschlägigen Gesetzgebung und ein Protest, der inzwischen drei Monate andauert, werfen deshalb grundsätzliche Fragen darüber auf, wie die EU mit Beitrittskandidaten und ihrem Integrationsprozess umgeht. Das macht den Fall zu einem, der genauere Prüfung durch die europäischen Institutionen verdient.

 

Ich habe den Protest in Tirana täglich verfolgt, darüber berichtet und Demonstrierende nach ihren Beweggründen und ihren Forderungen gefragt. Ich habe mit Anwohnerinnen und Anwohnern der Lagune von Narta gesprochen, mit Menschen aus Tirana, mit Rentnerinnen und Rentnern, mit jungen Leuten und mit der Diaspora, die mehrfach angereist ist, um an den Märschen teilzunehmen. Ihre Antworten waren stets dieselben: eine Überprüfung des Gesetzes 21/2024 über Schutzgebiete, Transparenz bei Entscheidungen, Institutionen, die den Menschen dienen, und der Kampf gegen die Korruption. Ein Student sagte mir: «Der Eingriff in die Schutzgebiete und die fehlende Transparenz waren der Funke, der unseren Widerstand gegen ein System entzündet hat, das uns seit Jahren nicht dient.»

 

Der Protest hat auch über Albanien hinaus Aufmerksamkeit gefunden. Abgeordnete des Europäischen Parlaments reisten ins Land, um die Lagune von Narta zu besuchen und sich die Proteste selbst anzusehen. Ihr Besuch trug das Thema von den Strassen Tiranas in die europäischen Institutionen.

 

Ich bin die erste in Albanien lebende Albanerin, die dem Vorstand einer europaweiten Bewegung angehört. Diese Position hat mir einen anderen Blick auf diesen Protest und auf Albanien eröffnet – vor allem auf die Rolle, welche die Europäische Union in der Frage von Vjosa und Narta spielt und spielen könnte.

 

Albaniens Beitrittsverhandlungen werden kapitelweise geführt, und Kapitel 27 betrifft Umwelt und Klimawandel – einen Bereich, in dem Albanien die entsprechenden EU-Standards und -Anforderungen erfüllen muss. Die Frage von Narta und der Vjosa ist deshalb nicht bloss eine innere Angelegenheit Albaniens, sondern ein konkreter Test dafür, ob das Land europäische Umweltstandards umzusetzen vermag. Vjosa–Narta steht nicht nur national unter Schutz, das Gebiet hat auch internationale Bedeutung – unter anderem als Kandidat für das Emerald Network und als Important Bird Area (IBA).

 

In diesem Zusammenhang gewinnt die Flamingo-Revolution eine europäische Dimension. Die Bewegung hat nicht nur die fehlende Transparenz im Umgang mit Schutzgebieten sichtbar gemacht, sondern auch Probleme der Rechenschaft und der Korruption, der Justizinstitutionen und der Demokratie selbst. Albanien fehlt es nicht an Gesetzen und Reformen, die europäischen Standards entsprechen. Die Schwierigkeit liegt bei den Mechanismen für deren Umsetzung, Überwachung und Durchsetzung – und genau darauf sollte die Europäische Union im Fall Albaniens schauen.

 

Im Fall von Narta und der Vjosa sollte die EU verlangen: die öffentliche Konsultation der Bevölkerung, Rechenschaft über die öffentlichen Mittel und die Projekte in diesem Gebiet sowie Zugang zu den einschlägigen Dokumenten und Gesetzen. Genau das fordern die Albanerinnen und Albaner mit der Flamingo-Revolution. Bürgerbeteiligung sollte Teil des europäischen Integrationsprozesses werden.

 

Die Flamingo-Revolution zeigt, dass die Menschen echten Wandel und europäische Standards für ihre eigene Zukunft einfordern. Sie zeigt ebenso, dass Albanien den Weg in die EU über die wirksame Umsetzung dieser Standards gehen sollte und nicht über strategische Vorhaben oder Investitionen, die der Bevölkerung keinen greifbaren Nutzen bringen. Die Flamingo-Revolution verlangt keine rasche Integration in die EU. Sie verlangt, nach diesen Standards und mit dieser Transparenz zu leben – Grund genug für Europa, von der derzeitigen albanischen Regierung und ihren Institutionen mehr zu fordern.

 

Vjosa–Narta sollte als konkreter Fall dienen, um zu stärken, wie die EU die Umsetzung von Umweltstandards in den Beitrittsländern überwacht und unterstützt. Der Erweiterungsprozess sollte nicht nur ein Weg zur Mitgliedschaft sein, sondern der Prozess, in dem europäische Standards in die Praxis übersetzt werden.

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Zur Person

Marina Rrika

Marina Rrika ist nicht-exekutives Vorstandsmitglied von Volt Europa und lebt in Tirana. Zuvor war sie Co-Präsidentin von Volt Albanien und als Projektleiterin beim Center of Albanian Development tätig, wo sie zivilgesellschaftliche Projekte und Partnerschaften koordinierte. Sie hat einen Master in European Studies and Public Administration der Barleti-Universität in Tirana und hat über die Rolle der Gesellschaft im Kampf gegen Korruption auf dem Westbalkan publiziert.

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