.png)
Inzwischen scheint es, als würde von allen Seiten auf die Demokratie geschossen – von Terroristen bis zu autoritären Regimen, von Oligarchen im Osten bis zu Tech-Milliardären im Westen – in Entwicklungs- wie in Industrieländern. Die Demokratie ist zum leichten Ziel geworden, und kaum jemand scheint noch mit ihr zufrieden. Die Vielen wenden sich den Wenigen zu, denn «demos kratos» hat sein Versprechen gebrochen. Wie ironisch.
Zum Glück sind die Feinde noch zu arrogant
Russlands Präsident Wladimir Putin verfolgt das Ziel, das einstige russische Imperium wiederherzustellen – durch den Angriff auf die Ukraine, den Widerstand gegen die NATO-Erweiterung, das Säen von Zwietracht innerhalb der EU und die Einmischung in Wahlen, etwa in Rumänien. Doch ironischerweise hat er damit genau das Gegenteil erreicht: Schweden und Finnland sind der NATO beigetreten, Rumänien und Bulgarien dem Schengen-Raum.
Die Abkehr der USA von Europa in ihrer Außenpolitik und ihr nun eher transaktionaler Ansatz haben etwas Bemerkenswertes bewirkt: Er hat die Europäische Union wachgerüttelt.
Zugegeben, ich greife hier gezielt positive Folgen heraus und blende viele schwerwiegende, vermeidbare Nebenwirkungen aus. Doch dieser Dominoeffekt kam nicht von ungefähr – wir selbst haben ihn ausgelöst: durch die Entscheidungen, die wir getroffen haben – und mehr noch durch jene, zu denen uns der Mut fehlte.
Wir waren bequem – und zahlen nun den Preis
Wir befinden uns heute an diesem Punkt, weil die Freunde der Demokratie sie allzu lange für selbstverständlich hielten – und sich stattdessen auf Wahlkampfspektakel und Beliebtheitswerte konzentrierten. Populismus ist zur bequemen Ausrede geworden, doch in Wahrheit haben demokratische Führungskräfte selbst den Boden dafür bereitet: durch fehlende echte Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger.
Diese Bequemlichkeit hat viele Gesichter – besonders gefährlich aber ist die Vorstellung, Extremismus sei vor allem ein Problem der Armen und Ungebildeten. Eine Korrelation mag bestehen, doch eine Kausalität? Wohl kaum.
Gerade in Osteuropa liegt das grösste Versäumnis im Umgang mit der EU und der Demokratie darin, dass Politiker es versäumt haben, die Anforderungen der EU wirklich zu verstehen – geschweige denn verständlich zu erklären. Stattdessen wurde allzu oft einfach gesagt: «Weil es die EU so will.»
Was wir brauchen, ist mehr Investition in Bildung und echte Zusammenarbeit – und weniger Rückgriff auf Zwang und Pflichtgehorsam.
Die Demokratie hat ihren Glanz verloren – aber ist sie tot?
Ich hoffe sehr, dass die Antwort nein lautet – die Demokratie ist nicht am Ende. Aber sie braucht dringend ein Rebranding. Denn Menschen leben von Geschichten. Wenn wir keine inspirierenden Erzählungen über Demokratie bekommen, erfinden wir unsere eigenen – oft mit mehr Fantasie als Fakten, mal näher, mal weiter entfernt von der Realität.
Ohne eine starke demokratische Erzählung überlassen wir es anderen, das Bild der Demokratie zu prägen. Unternehmerinnen und Unternehmer fühlen sich von der Politik ausgenutzt, Beschäftigte von ihren Arbeitgebenden im Stich gelassen. Die Wissenschaft wird teurer, aber gleichzeitig als weniger relevant empfunden. Zivilgesellschaftliche Organisationen sind chronisch unterbesetzt, unterfinanziert und zunehmend frustriert. Der öffentliche Dienst arbeitet am Limit – und wird dafür kaum geschätzt.
Die Demokratie ächzt unter ihrer eigenen Komplexität. Und mit ihr schwindet das Vertrauen – in Institutionen ebenso wie in unsere Mitmenschen. Demokratie ist schwierig. Sie ist nicht naturgegeben. Wir kommen nicht mit einem Demokratieverständnis auf die Welt – und wir tun zu wenig dafür, es weiterzugeben oder zu fördern.
Aufstieg der Super-Bürger
Ich bin überzeugt: Die Demokratie kann nicht nur überleben, sondern aufblühen – wenn wir bereit sind, grundlegende Dinge anders zu machen. Die Idee, Bürgerinnen und Bürger ins Zentrum des politischen Geschehens zu stellen, ist nicht neu – im Gegenteil. Doch in der Praxis funktioniert sie nach wie vor nicht.
Warum? Weil selbst diejenigen, die sich aktiv einbringen möchten, oft keine realen Möglichkeiten dazu finden. Zeit und Energie sind heute knappe Ressourcen – und unser demokratisches System wirkt vielerorts zu träge und zu kompliziert. Dabei hätten wir längst die Werkzeuge, um Demokratie effizienter, inklusiver und zugänglicher zu gestalten. Wir haben sie nur noch nicht in der Breite eingesetzt.
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, das jede und jeder von uns besonders gut beherrschen sollte, dann wäre es Engagement auf fünf Ebenen:
• Individuelle Ebene – Beitrag (zivilgesellschaftliches Engagement)
• Nachbarschaftsebene – Zusammenhalt (Vertrauen)
• Stadtebene – Verwaltung (konkrete Projekte)
• Staatliche Ebene – Synchronisation (klare und gerechte Gesetze)
• Regionale Allianzen – Sicherheit (vernetzte Zusammenarbeit)
Das Zeitfenster schliesst sich
Uns bleiben höchstens vier bis acht Jahre, um die Demokratie grundlegend zu erneuern. Gelingt uns das nicht, wird unsere Welt in wenigen Jahren kaum wiederzuerkennen sein. Extremismus, Klimawandel, soziale Ungleichheit, Künstliche Intelligenz, steigende Lebenshaltungskosten – all das steuert auf die Katastrophe zu. Und wir sind nicht vorbereitet.
Wenn wir jetzt nicht handeln, riskieren wir eine düstere Zukunft. Deshalb müssen wir die Demokratie neu erlebbar machen – nicht simplifizieren, sondern verdichten. Und wir müssen die Super-Bürger stärken: Menschen, die Verantwortung übernehmen, Gemeinschaft gestalten und Wandel möglich machen. Sie sind es, die die Geschichte der Demokratie neu schreiben können – von unten nach oben – und die Macht dorthin zurückbringen, wo sie hingehört: zum Volk.
Genau deshalb engagieren meine Kolleginnen und Kollegen bei DearNeighbour und ich uns mit voller Überzeugung für stärkere soziale Verbindungen zwischen Menschen. Indem wir gesunde, geeinte und zukunftsfähige Gemeinschaften aufbauen, wirken wir wie ein Betriebssystem für gesellschaftlichen Wandel. Wir bringen Menschen zusammen, um Ideen, Ressourcen und Hoffnung zu teilen. Von unten nach oben.
Verändere die Welt, indem du dich selbst und dein Quartier veränderst. «Demos kratos»: Gib den Bürgerinnen und Bürgern die Kraft, wirklich mitzugestalten – aktiv dabei zu sein.
Mihai Toader-Pasti ist ein ausgewiesener Nachhaltigkeitsexperte mit über 13 Jahren Erfahrung in der Begleitung von ESG-Transformationen – für Einzelpersonen, Organisationen und Städte. Er ist Gründer von ÎntreVecini (DearNeighbour), einer gemeinnützigen Initiative, die in Rumänien nachhaltige und lebendige Nachbarschaften aufbaut. Zuvor hat er EFdeN mitbegründet und geleitet – die meistprämierte Nachhaltigkeitsorganisation Rumäniens. Für sein Engagement wurde Mihai mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als Obama Leader, Eisenhower Youth Leader und Forbes Europe 30 Under 30.