
»Warum müssen wir die Populisten ernstnehmen? Weil Populisten wählen. Und sie haben legitime Interessen, die von der politischen Klasse ignoriert werden«, eröffnet Goodhart seinen Vortrag. David Goodhart ist renommierter Journalist und Autor, in seinem Werk The Road to Somewhere: The Populist Revolt and the Future of Politics (2017) beschäftigt er sich mit dem Erstarken populistischer Kräfte. Für ihn sind Ereignisse wie der Brexit oder die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten keine isolierten Phänomene, sondern Symptome tieferliegender Probleme.
Vor allem die Bereiche Migration, Bildung, Familie und staatliche Souveränität sorgen gesellschaftlich für Reibungshitze. «Wo höhere Klassen Fremdenfeindlichkeit sehen, sehen Menschen aus ärmeren Verhältnissen unwillkommenen Wandel, der Angst macht», sagt Goodhart. Diese Angst wird von populistischen Parteien bedient. Nährboden für Ängste bietet vor allem das Turbo-Wachstum liberaler Märkte seit den Neunzigerjahren, das die ländliche Bevölkerung zurücklässt.
«Die Regierung hat den Kontakt zu einem grossen Teil der Bevölkerung verloren. Durch Social Media hat sie keine Informationshoheit mehr, sodass sich alternative Ansichten verbreiten können», erklärt Goodhart mit Blick auf den Brexit. Die gesellschaftliche Kluft ist sowohl ökonomisch als auch kulturell. Der Graben reicht von der forcierten Akademisierung über halboffene Grenzen bis hin zur Dominanz von London als Wirtschaftszentrum und einer EU, die ökonomische Effizienz über die demokratische Stimme der Bürger:innen stellt.
Goodhart spricht von einer neuen Teilung in wenige «Anywheres» und viele «Somewheres». Während Anywheres als gebildete Elite städtisch-mobil und autonom leben und entsprechend veränderungsaffin sind, sind Somewheres an – oft ländliche – Orte gebunden, weniger gut gebildet und auf Sicherheit und Tradition fokussiert. Bildung und Kontext formen diese Identitäten und bestimmen den Blick auf die Welt. «Beide Weltsichten sind legitim», so Goodhart, das Problem sei aber, dass die Ansicht der Somewheres im politischen Diskurs zu kurz käme.
Öl ins Feuer giesse die Diskrepanz zwischen Massenhochschulbildung und fehlenden Jobaussichten. «Immer mehr Menschen fühlen sich als Versager: Sie studieren, bekommen aber nicht den Platz in der Gesellschaft, den andere kriegen.» Oder sie studieren nicht und bekommen zu spüren, dass unsere Gesellschaft kognitive Berufe weitaus höher gewichtet als handwerkliche oder soziale.
Das führt zu Frust und Enttäuschung. Ein Paradebeispiel ist die Pflege. Es ist paradox, dass gerade ein Wohlfahrtsstaat Berufe der Wohlfahrt so wenig achtet. Dabei braucht unsere Wissensgesellschaft nicht noch mehr Akademiker, sondern mehr Techniker und Pflegekräfte. Gerade soziale Berufe sind ein Bereich, der von den massiven Umwälzungen durch AI und Automatisierung weniger betroffen sein dürften.
Damit ist also nicht die Meritokratie an sich das Problem, sondern die herrschende Vorstellung von Verdienst: Welche Arbeit ist wieviel wert? Goodhart zitiert die Rechtsprofessorin Amy Wax, die hervorhob, dass die gesamtgesellschaftliche Bedeutung von Care-Arbeit mit unserem Lohnsystem nicht abgebildet werden kann.
Trotz der weitreichenden Wurzeln populistischen Unmuts hat Goodhart Lösungsvorschläge parat. Er fordert ein «levelling up», eine Beseitigung sozialer, wirtschaftlicher oder regionaler Ungleichheiten. Dies zum Beispiel durch die Ausstattung ländlicher Gebiete mit Breitbandinternet, den Abbau der Überakademisierung zugunsten lebenslangen Lernens und die Aufwertung von Arbeitsplätzen, die nicht automatisiert werden können. Es braucht einen gemeinsamen Nenner zwischen Somewheres und Anywheres und Politiker:innen, die zwischen den Bereichen navigieren. Goodharts Wunsch für Europa? »Streitet nicht über Populismus. Nehmt die Sorgen der Menschen ernst.«