
Analyse von Politico-Chefredaktor Gordon Repinski
Gordon Repinski begleitet deutsche Kanzler seit mehr als einem Jahrzehnt. Er kennt Angela Merkel, Olaf Scholz – und nun Friedrich Merz. Dessen Weg an die Spitze sei alles andere als geradlinig gewesen. Nach Jahren ausserhalb der Politik, unter anderem als Lobbyist und Transatlantiker, kehrte Merz zurück – getrieben vom Wunsch, das Gegenteil von Angela Merkel zu sein.
«Friedrich Merz hat ein sehr gutes Gespür für den Moment und für die richtige Rede zur richtigen Zeit», sagte Repinski. «Was ihm oft fehlt, ist eine längerfristige Strategie.» Dass Merz drei Anläufe brauchte, um Parteichef zu werden, sei dafür sinnbildlich.
Der Wahlsieg fiel moderat aus, die Koalition mit der SPD war unvermeidlich. Doch darin liegt laut Repinski eines der zentralen Probleme. Die Sozialdemokraten seien historisch geschwächt, innerlich zerrissen und gezwungen, Politik gegen ihr eigenes Programm mitzutragen.
«Das ist eine Koalition, in der der Juniorpartner verloren hat, den Kanzler stellt, den er nicht wollte – und nun Reformen mittragen soll, die nicht seine sind», so Repinski. Migration, Wirtschaft, Verteidigung: alles Themen, bei denen Überzeugungsarbeit nötig wäre.
Für Journalistinnen und Journalisten sei Merz spannend, räumte Repinski ein. In Interviews sage er nach wenigen Fragen oft schlicht, was er denke. Politisch jedoch könne das zum Problem werden. «Impulskontrolle ist bei Friedrich Merz ein echtes Thema», sagte Repinski. «Er sagt Dinge, die unnötig provozieren – und den Fokus von den eigentlichen Aufgaben wegziehen.» Beispiele seien kulturpolitische Debatten oder pointierte Aussagen zur Rentenpolitik, die die Koalition zusätzlich belasten.
Aussenpolitisch attestierte Repinski dem Kanzler mehr Sicherheit. Merz sei transatlantisch verankert, spreche sehr gut Englisch und werde in Washington ernst genommen. Auch in Europa habe er zu Beginn klare Signale gesetzt – mit Besuchen in Paris und Warschau. Gleichzeitig gebe es Widersprüche. Nationale Alleingänge in der Migrationspolitik seien «klar uneuropäisch». Repinski sagte: «Merz will Europa stärken, trifft aber Entscheidungen, die diesem Anspruch widersprechen.»
Der Blick nach vorne fällt düster aus. 2026 stehen mehrere Landtagswahlen an, besonders im Osten Deutschlands. Die AfD erreicht dort Umfragewerte von bis zu vierzig Prozent. Repinski sieht kaum gute Optionen. «Alle Szenarien für 2026 sind schwierig», sagte er. «Entweder droht politisches Chaos – oder Entscheidungen, die zentrale Versprechen brechen.» Die bisherige Strategie reiche nicht mehr aus.
Trotz aller Kritik blieb Repinski nicht ohne Hoffnung. Der Aufstieg populistischer Kräfte sei kein Ende der Demokratie, sondern Ausdruck eines Systems, das zu wenig liefere. «Wir brauchen Reformen, die Ergebnisse bringen», sagte Repinski. «Und wir brauchen neue Formen – in Politik genauso wie im Journalismus.» Nur so könne Vertrauen zurückgewonnen werden.