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Der europäische KI-Moment: Warum Europa jetzt handeln muss – und warum es das noch kann

Europa steht vor einer Bewährungsprobe. Künstliche Intelligenz wird über wirtschaftliche Stärke, politische Handlungsfähigkeit und digitale Souveränität entscheiden. Die KI-Session im Rahmen des European Economic Forum 2025 in Luzern machte eines deutlich: Europa verfügt über Know-how, Industrie und Werte. Was (noch) fehlt, ist die Entscheidung, gemeinsam zu skalieren.

Usman Javaid, Chief Product and Marketing Officer bei Orange Business, eröffnete die Session mit einem Rückblick. Europa habe die digitale Welt geprägt: Mobilfunkstandards, das World Wide Web, SMS, 3G und 4G. Innovation, so Javaid, gehöre zur europäischen DNA.

Doch der Druck wächst. Rund 80 Prozent zentraler digitaler Schlüsseltechnologien stammen von wenigen aussereuropäischen Anbietern. Die Energiekosten in Europa liegen deutlich über jenen in den USA oder China. Und während anderswo Tech-Giganten mit Billionenbewertung entstanden sind, gibt es in Europa keinen vergleichbaren Player. «Die Frage ist nicht, ob Europa innovieren kann», sagte Javaid. «Die Frage ist, ob Europa seine Innovationen skalieren kann.»

Europas verborgene Stärke

Der Fokus allein auf US-Konzerne verzerre Europas tatsächliche Rolle in der KI-Entwicklung, argumentierten die Diskutierenden. Jeder moderne KI-Chip beginne seine Reise in Europa: bei ASML in den Niederlanden, mit Optiken von Zeiss, Lasern von Trumpf, Robotik von ABB und Präzisionskomponenten aus der Schweiz. Ein grosser Teil der industriellen Software, die die globale KI-Lieferkette trägt, stammt ebenfalls aus Europa.
Auch neue KI-Akteure sind entstanden. Start-ups wie Mistral und Aleph Alpha zeigen, dass Europa technologisch mithalten kann. Was jedoch weiterhin fehlt, ist der Durchbruch in die grosse Skalierung.

Drei strukturelle Bremsklötze

Javaid benannte drei zentrale Hürden. Erstens fehlt Europa ein echter Binnenmarkt. 27 nationale Märkte erschweren Skalierung und führen zu Doppelspurigkeiten. Zweitens hat Europa zu wenig Kontrolle über seine Daten. Sie liegen überwiegend bei US-Hyperscalern – und die Wertschöpfung folgt den Daten. Drittens sind Finanz- und Tech-Ökosysteme schlecht verzahnt. Kapital ist vorhanden, fliesst aber selten in europäische Technologie. Die Folgen sind sichtbar: Rund 30 Prozent der europäischen Tech-Unicorns haben ihren Hauptsitz ins Ausland verlegt.

KI als Chance – und Risiko

Für Paul-Arthur Jonville, Mitgründer und CEO von Mindflow, markiert KI einen Wendepunkt. Arbeitsplätze werden wegfallen, die Produktivität dürfte stark steigen. Entscheidend sei die Frage des Eigentums. «Wenn wir KI nur konsumieren, verlieren wir Wertschöpfung. Wenn wir sie produzieren, gewinnen wir Zukunft», sagte Jonville.
KI folgt einer exponentiellen Logik: Automatisierung schafft Raum für weitere Automatisierung. Unternehmen könnten ihre Produktivität um 30 bis 40 Prozent steigern – vorausgesetzt, sie sind bereit zu experimentieren und Risiken einzugehen.

Starke Forschung, schwache Umsetzung

Sean Kask, Head of AI Strategy bei SAP, bestätigte Europas wissenschaftliche Stärke. Europa produziert einen grossen Teil der KI-Forschung und hält zahlreiche Patente. Das Problem liege in der Umsetzung. «Innovation heisst, Ideen in Produkte zu verwandeln», sagte Kask. «Genau dort verliert Europa Zeit.»
Fragmentierte Märkte, langsamer Zugang zu Kapital und komplexe Regulierung bremsen den Fortschritt. Grosse Sprachmodelle sind extrem teuer und schnell überholt. SAP setzt daher bewusst auf spezialisierte Modelle und industrielle Anwendungen statt auf Prestigeprojekte.

Souveränität heisst nicht Abschottung

Eine Botschaft zog sich klar durch die Diskussion: Digitale Souveränität bedeutet nicht vollständige Unabhängigkeit. Europa muss Abhängigkeiten akzeptieren, wo es keine Alternativen gibt. Zugleich braucht es aktive Förderung europäischer Lösungen dort, wo sie wettbewerbsfähig sind.
Sylvain Quartier, Chief Strategy Officer bei Ekinops, brachte es auf den Punkt: «Wenn wir europäischen Lösungen nicht vertrauen, werden sie nie wachsen.» Er forderte mehr Sichtbarkeit für mittelgrosse europäische Unternehmen und mehr Mut bei öffentlichen wie privaten Auftraggebern.

Warum Talente Europa verlassen

Ein weiteres zentrales Thema war der Brain Drain. Viele der klügsten Köpfe Europas sind in die USA gegangen. Die Gründe sind bekannt: schnellerer Zugang zu Kapital, höhere Risikobereitschaft und flexiblere Arbeitsmärkte. «In den USA gilt Scheitern als Erfahrung», sagte Kask. «In Europa ist es oft ein Stigma.» Solange sich diese Haltung nicht ändert, verliert Europa weiterhin Talente – trotz exzellenter Universitäten und Forschungseinrichtungen.

Ein «Airbus-Moment» für KI

Zum Abschluss zog Usman Javaid einen historischen Vergleich. In den 1970er-Jahren sah sich Europa der Dominanz von Boeing gegenüber. Die Antwort hiess Airbus – ein gemeinsames Projekt, getragen von mehreren Ländern, Industrien und politischen Entscheidungen. «Europa braucht einen Airbus-Moment für KI», sagte Javaid. Nicht einen einzelnen Champion, sondern ein koordiniertes Ökosystem: gemeinsame Märkte, abgestimmte Investitionen und klare Prioritäten.

Zur Person

Martin Mühlegg

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