Perspective Ricardo Nogueira Martins

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Bottom-up statt Top-down: Mit Wissenschaft die Demokratie stärken

Es braucht mehr öffentliche Akzeptanz für wissenschaftliche Expertise. Nicht nur durch ihre Legitimation, sondern auch durch den Dialog zwischen Politik, Forschung und Zivilgesellschaft.

Es gibt gute Gründe, das gesellschaftliche Vertrauen in die Wissenschaft zu festigen. Entscheidungsträger spielen dabei eine Schlüsselrolle, politische Rahmenbedingungen sind zentrale Werkzeuge – insbesondere im Bereich der Nachhaltigkeit. Gerade auf lokaler und regionaler Ebene lassen sich wirkungsvolle Veränderungen am besten umsetzen.

Wo Nachhaltigkeit Wurzeln schlägt

Nachhaltige Politik kann von unten wachsen: durch Umweltbildung, die Naturverständnis fest im Schulunterricht verankert, durch die Schaffung von Grünräumen, Investitionen in Parks, Renaturierung und Gemeinschaftsgärten, die Menschen mit ihrem lokalen Ökosystem verbinden. Eine emotionale Bindung zur Natur fördert die Bereitschaft, ehrgeizige Umweltziele zu unterstützen. Auch die Einbindung junger Menschen ist entscheidend: Sie sollten befähigt werden, aktiv an Naturschutz und ökologischer Verantwortung mitzuwirken.

Territorial verankerte Nachhaltigkeitspolitiken – etwa partizipative Verfahren oder Citizen-Science-Initiativen – schaffen Verbindungen zwischen der Zivilgesellschaft und wissenschaftlicher Bildung. Wissenschaft sollte ein zentrales Element evidenzbasierter Entscheidungen sein. Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse versetzt Entscheidungsträger – insbesondere in der Politik – in die Lage, auf Grundlage der besten verfügbaren Evidenz zu handeln, und schärft zugleich das Bewusstsein der Bürger:innen dafür, wie sehr Wissenschaft das tägliche Leben und das gesellschaftliche Wohl beeinflusst. Eine wissenschaftlich fundierte Politikagenda auf lokaler und regionaler Ebene trägt dazu bei, Wissen und Legitimität in die Gesellschaft zu übertragen. Das ist von grosser Bedeutung für Wissenschaftler:innen und politische Gestalter:innen, die das Vertrauen in Wissenschaft erhalten und stärken wollen.

Evidenz statt Ideologie

Deshalb plädiere ich für Entscheidungen, die auf Evidenz beruhen – nicht auf Ideologie. Dazu gehören Investitionen in Forschung und Innovation auf kommunaler und regionaler Ebene, etwa in Form von Stipendien für Wissenschaftsstudierende, die Verankerung wissenschaftlicher Beratung in kommunalen Entscheidungsprozessen, Aufklärungskampagnen gegen Desinformation sowie der sektorübergreifende Einsatz wissenschaftlicher Erkenntnisse – nicht nur im Klima- oder Nachhaltigkeitsbereich, sondern auch in Landwirtschaft, Verkehr, Stadtentwicklung und digitalem Wandel.

Wenn Europa sein volles Potenzial ausschöpfen will, muss es Innovation mit Inklusion verbinden. So kommt wissenschaftlicher Fortschritt allen Regionen und Gesellschaftsgruppen zugute. Und es muss Nachhaltigkeit mit wirtschaftlicher und technologischer Souveränität verknüpfen, indem die Abhängigkeit von importierter Energie und Rohstoffen durch grüne Technologien und Kreislaufwirtschaft reduziert wird. Nicht zuletzt liegt in der Idee gemeinsamer Werte eine grosse Kraft: Natur und Wissenschaft können Europas kulturelle Vielfalt durch gemeinsame Ziele einen.

Wissenschaftskompetenz für Bürgermeister:innen

Auf lokaler Ebene stelle ich einen konkreten Handlungsauftrag: Es braucht eine «School of Mayors for Science Literacy» (eine Schule der Bürgermeister:innen für wissenschaftliche Bildung), um die Herausforderungen zukünftiger Kommunal- und Regionalpolitik zu meistern. Eine solche Initiative würde das Engagement der Gemeinden für die Gestaltung und Umsetzung nachhaltiger Entwicklungspolitiken stärken – und den Fortschritt in Richtung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) beschleunigen. Wir müssen unsere Politik so gestalten, dass sie das Potenzial der Wissenschaft zur Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen voll ausschöpft.

Wissenschaftsdiplomatie stärken

Auf europäischer Ebene braucht es eine entschlossene Wissenschaftsdiplomatie. Unsere Universitäten zählen zu den besten der Welt und verfügen über enormes Talent. Forschung und Entwicklung können jene internationalen Netzwerke schaffen, die für globale Wirkung erforderlich sind. Europa muss stärker in Wissenschaft investieren, um der attraktivste Ort der Welt für Forschung, Innovation und verantwortungsvolles Unternehmertum zu werden.

About the Autor

Ricardo Nogueira Martins

Ricardo Nogueira Martins (Luzern, 1990) ist Leiter der Abteilung für Nachhaltigkeit bei der Stadtverwaltung von Lousada in Portugal, Forscher am Forschungszentrum für Kommunikation und Gesellschaft der Universität Minho sowie regionaler Ansprechpartner für junge Fachkräfte bei der IUCN WCPA Europe. Zudem ist er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Schweizer Nachhaltigkeitsorganisation PlusPoint.
Er verfügt über eine Executive-Qualifikation in Führungskompetenz in der öffentlichen Verwaltung der Porto Business School sowie über einen MSc in Geografie, Planung und Territorialmanagement, ein Postgraduierten-Diplom in EU-Politik und territorialer Zusammenarbeit und einen Master-Abschluss in strategischem Innovationsmanagement der Universität Minho.

Seine beruflichen und wissenschaftlichen Interessen konzentrieren sich auf EU-Politik, internationale Beziehungen, Umweltdiplomatie, territoriale Governance, Naturschutz, territoriale Zusammenarbeit, Innovation und nachhaltige Entwicklung.

Seine Expertise im Bereich der territorialen Zusammenarbeit konzentriert sich insbesondere auf die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik, mit einem Schwerpunkt auf der Stärkung des Naturschutzes, des menschlichen Wohlergehens und der Innovation.

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Quellen

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Evidence, Not Ideology: How Science Can Rebuild Public Trust

There is a growing need to enhance the public legitimacy of science and scientific knowledge. This includes not only efforts to legitimise scientific expertise, but also to foster engagement between politicians, scientists, and civil society.

There is a compelling case for building greater public trust in science, with political representatives as key players and public policies as essential tools — particularly in the realm of sustainability. In this context, local and regional levels are the most effective scales for implementation.

The Local Path to Sustainable Change

Sustainable policies can be operated from the ground up through environmental education — making nature literacy a core part of school curricula across Europe — as well as through urban green space creation, investment in parks, rewilding, and community gardens that connect people with local ecosystems. Emotional connection to nature fuels public support for ambitious environmental policies. Youth engagement is also essential, empowering young people to take part in conservation and environmental stewardship.

Local territorial policies related to sustainability — such as participatory processes and citizen science initiatives — are strong tools for linking civil society with scientific literacy. Science should be a central element in evidence-based decision-making. Public trust in scientists enables decision-makers — such as politicians — to act based on the best available evidence and raises citizens’ awareness of how science influences daily life and well-being. A local and regional policy agenda driven by scientific knowledge helps transfer both the knowledge itself and its legitimacy to civil society. This has important implications for scientists and policymakers who aim to maintain and increase public trust in science.

How Inclusion and Innovation Can Power Europe

Therefore, I advocate for decisions grounded in evidence, not ideology. This includes investing in research and innovation at the municipal and regional levels through science student scholarships, making scientific advice central to local government decision-making, combating misinformation through science communication campaigns, and applying science across sectors — not only in climate or sustainability, but also in agriculture, transport, urban planning, and digital transformation.

To unlock Europe’s full potential, a strong and sustainable Europe must align innovation with inclusion — ensuring scientific progress benefits all regions and communities — and sustainability with sovereignty, by reducing dependence on imported energy and raw materials through clean technology and a circular economy. Finally, the notion of unity through shared values is powerful: nature and science can unite diverse cultures around common goals.

A School of Mayors for Science Literacy

At the local level, I pose a challenge for immediate action: the need for a “School of Mayors for Science Literacy” to address next-generation local and regional policy challenges. Such an initiative would strengthen municipalities’ commitment to designing and implementing policies grounded in the principles of sustainable development — accelerating progress towards the Sustainable Development Goals (SDGs). We must shape our policies to maximise the power of science to address our shared challenges.

European Leadership: Advancing Science Diplomacy

At the European level, we need stronger science diplomacy. Our universities are world-class and full of talent. Research and development can create the international networks required for global impact. Europe must increase its investment in science — making it the most attractive place in the world for research, innovation, and responsible business.

About the Autor

Ricardo Nogueira Martins

Ricardo Nogueira Martins (Lucerne, 1990) is Head of Sustainability at the Municipality of Lousada, Portugal, a researcher at the Communication and Society Research Centre of the University of Minho, and the IUCN WCPA Europe Young Professionals Regional Focal Point. He is also a member of the Scientific Committee of the Swiss sustainability organization PlusPoint (CHE-406.191.136).

He holds an Executive Leadership in Public Administration qualification from Porto Business School and an MSc in Geography, Planning and Territorial Management, a Postgraduate Diploma in EU Policies and Territorial Cooperation, and a Master’s degree in Strategic Innovation Management from the University of Minho.

His professional and research interests focus on EU policies, international relations, environmental diplomacy, territorial governance, nature conservation, territorial cooperation, innovation, and sustainable development.

His expertise in territorial cooperation is particularly centred on the science–policy interface, with a focus on strengthening nature conservation, human well-being, and innovation.

Sources

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